Der Rennstall Esslingen stellt sich vor

Von Aleksandra Damjanovic Rennstall Esslingen – Projektleiterin Organisation

Das Ziel des Formula Student Wettbewerbs ist für die teilnehmenden Studenten, einen Rennboliden innerhalb eines Jahres zu entwerfen, zu konstruieren und zu fertigen. Die Konstruktion des Formula Student Rennwagens unterliegt einem Reglement. Herzstück ist ein Otto-Viertakt-Motor mit maximal 610 cm³ Hubraum und einem 20 mm Luftbegrenzer. Des Weiteren darf der Radstand nicht weniger als 1525 mm betragen. Ansonsten lässt das Reglement bewusst viele Freiheiten, um die Kreativität der Studenten zu fördern und Innovationen zu ermöglichen.
Die Fahrzeuge wiegen erfahrungsgemäß zwischen 150 kg und 300 kg. Bei einer Leistung von bis zu 90 PS ergibt sich dadurch ein Leistungsgewicht auf dem Niveau moderner Sportwagen.
Die Formula Student ist die europäische Antwort auf die amerikanische Formula SAE™. Diese wurde 1981 von der Society of Automotive Engineers als Hochschulwettbewerb in den USA gegründet. Nach dem Vorbild der Formula SAE wurde 1999 in Großbritannien die Formula Student ins Leben gerufen. Das Reglement ist dem der Formula SAE sehr ähnlich, sodass die Teams an beiden Veranstaltungen teilnehmen können. Im Jahre 2006 fand der erste Formula Student Germany Wettbewerb auf dem Hockenheimring statt.

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Weltweit gibt es inzwischen 10 Wettbewerbe, zwei in den USA und je einer in England, Deutschland, Italien, Österreich, Ungarn, Australien, Japan und Brasilien. Jeder Wettbewerb findet einmal jährlich statt, ist von den anderen unabhängig und es ist jedem Team überlassen, zu wie vielen und zu welchen Wettbewerben es sich anmeldet. Die stark steigenden Teilnehmerzahlen zeigen den Erfolg der Formula Student. Weltweit nehmen ca. 600 Teams an den Wettbewerben teil. Deutschlandweit ist die Anzahl der teilnehmenden Hochschulen und Universitäten mittlerweile auf 80 gestiegen.

Punkteverteilung
Ein Formula Student Wettbewerb ist unterteilt in statische und dynamische Disziplinen. Insgesamt können maximal 1.000 Punkte erreicht werden.

Statische Disziplinen

  • Engineering Design – Die Konstruktion des Fahrzeugs, sowie die erbrachte Ingenieursleistung, wie z. B. der Einsatz neuester Technologien und raffinierter Detaillösungen, werden in einem „Design Report“ dargelegt und am Auto den Wertungsrichtern präsentiert. Das beste Team erhält maximal 150 Punkte.
  • Cost Analysis – Sämtliche Kosten der am Rennwagen verbauten Teile, auch die der selbst gefertigten Teile und deren Herstellungsprozesse, müssen offengelegt werden. In einer Diskussion mit Juroren wird das Kostenbewusstsein des Teams im Hinblick auf das gebaute Fahrzeug geprüft. Das beste Team erhält 100 Punkte
  • Business Presentation – Einer fiktiven Investorengruppe, repräsentiert durch Juroren, wird versucht, den Rennwagen für den Bau in einer Kleinserie schmackhaft zu machen. Hierzu wird eine professionelle, 10-minütige Präsentation gehalten und auf die Fragen der Jury eingegangen. Das beste Team erhält 75 Punkte.

Dynamische Disziplinen

  • Skid-Pad – Eine liegende Acht mit Kreisdurchmessern von je 15,25 m wird je zweimal durchfahren. Das schnellste Team erhält 50 Punkte.
  • Acceleration – Das Auto wird über eine Strecke von 75 m aus dem Stand heraus beschleunigt. Das schnellste Team erhält 75 Punkte.
  • Autocross – Ein ca. 800 m langer Handling-Kurs mit Geraden, Haarnadelkurven und Slalomstrecke muss schnellstmöglich absolviert werden. Hierbei stehen keinerlei Trainingsrunden zur Verfügung, die erste gefahrene Zeit ist gleichzeitig eine Wertungsrunde. Das schnellste Team erhält 150 Punkte.
  • Endurance – Auf einem dem Autocross ähnlichen Handlingkurs wird ein Rennen über eine Länge von 22 km gefahren. Nach 11 km findet ein Fahrerwechsel statt, für den jedes Team drei Minuten Zeit hat. Das schnellste Team erhält 300 Punkte.
  • Fuel Economy – In Verbindung mit dem Endurance wird der Kraftstoffverbrauch des Rennwagens bestimmt. Der sparsamste Wagen erhält 100 Punkte.

Formula Student in Esslingen
Auf die Initiative von Herrn Prof. Dipl.-Ing. Wolfmaier, dem Dekan der Fakultät Fahrzeugtechnik, wurden die ersten Überlegungen zur Gründung eines Formula Student Teams an der Hochschule Esslingen im Jahr 2005 angestellt. Er entdeckte während seines Urlaubs einen Artikel über die Teilnahme des Formula Student Teams aus Stralsund bei dem Event in Silverstone in der Zeitung. Daraufhin begeisterte er drei Fahrzeugtechnikstudenten mit seiner Idee und diese übernahmen Ende November 2005 die Initiative bei der Gründung des Rennstall Esslingen.

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Bei dem Formula Student Workshop in München wurde ihnen jedoch schnell bewusst, dass anders als gedacht, das Formula Student Projekt nicht nur aus der Konstruktion und Fertigung eines Rennboliden bestand, sondern die Studenten sich ebenso mit einem Business Plan, Cost Report, Projektmanagement und anderen Fahrzeugtechnik „untypischen“ Themen auseinandersetzen müssen.

Im März 2006 wurden im Rahmen des Simultaneous Engineering weitere Schritte zur Gründung eines Teams an der Hochschule unternommen.

Im Wintersemester 2006/2007 setzte sich die erste Projektleitung aus zwei Personen zusammen: Matthias Hensler war für den organisatorischen Part und Jens Merkel für den technischen Part zuständig. Komplettiert wurde das Team aus Fahrzeugtechnikstudenten, die im Rahmen ihrer Projektarbeiten Konzeptideen für den Rennstall ausarbeiteten. Im November 2006 wurde der Prototyp dem Publikum vorgestellt. Dieser Prototyp durfte nie Rennluft schnuppern, sondern diente lediglich dazu erste Erfahrungen zu sammeln.

Ganz im Gegenteil zum Stallardo ´07, der von den Projektleitern Manuel Conrad, Manuel Buck, Michael Kilb, Uwe Vetter und Jan Fricke im Juni 2007 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Die erste Formula Student Event-Erfahrung sammelte man in Hockenheim. Ausgerechnet kurz nachdem sich die Hochschulleitung in Hockenheim höchstpersönlich von der Leistung des Teams überzeugen wollte, riss direkt vor den ersten Disziplinen beim Warmfahren der Reifen der Antriebsflansch. Leider schaffte man es trotz vollem Einsatz erst auf 12:10 und somit 10 Minuten zu spät, um noch starten zu dürfen.

Nichtsdestotrotz bereitete man sich auf die weiteren dynamischen Disziplinen vor und konnte den Autocross auf Augenhöhe mit den besten Teams abschließen. Im Endurance machte der Antriebsflansch allerdings wieder einen Strich durch die Rechnung. Mit Platz 35 von 54 Hochschulen in der Gesamtwertung konnte man jedoch zufrieden sein.

Den zweiten Event in der Geschichte des Rennstalls absolvierte man im italienischen Fiorano. Dieser Wettbewerb lief endlich nach den Vorstelllungen des Teams und man blieb von Ausfällen verschont. Die Gesamtwertung konnte man mit dem tollen 7. Platz abschließen. Allein dieses Ergebnis war Motivation für das Jahr 2008.

Im Sommersemester 2008 stellte die neue Projektleitung, bestehend aus Franz Berndt, Dirk Greif, Jens Bährle, Maximilian Munz, Felix Rapp, Sebastian Niec und Joachim Joos, den Stallardo ´08 vor. Statt der geplanten Evolution, stellte der neue Rennbolide eine Revolution dar.

Eine Neuerung gab es auch in der Zusammensetzung des Teams. Erstmals konnte man Studenten aus anderen Fakultäten für das Projekt begeistern. Und bis zum Rollout im Mai 2008 entwickelte sich der Rennstall von einem Projekt der Fakultät Fahrzeugtechnik zu einem fakultätsübergreifenden Hochschulprojekt.

Mit dem Stallardo ´08 nahm man an dem Event in Silverstone (GB) erstmalig teil. Man hielt sich mit den Ergebnissen der statischen Disziplinen und der ersten dynamischen Disziplinen auf einem Top Ten Kurs. Doch im alles entscheidenden Endurance wurden alle Träume zunichte gemacht, als in der 7. Runde eine Ventilfeder brach. Jedoch konnte man einen sehr guten 22. Platz (von 72) in der Gesamtplatzierung einnehmen.

Bei dem Event in Hockenheim, welches im August 2008 folgte, verhielt es sich ähnlich. Alles lief spitze. Bis zum Endurance, der einer besseren Platzierung im Wege stehen sollte. Beim Fahrerwechsel, der nach 11 gefahrenen Kilometern stattfindet und bei dem das Fahrzeug auf technische Mängel gecheckt wird, trat aus dem Getriebe minimal Öl aus, somit wurde der Rennbolide aus dem Rennen gezogen und durfte den Endurance nicht mehr zu Ende fahren. Der Rennstall beendete diesen Event bei 78 teilnehmenden Teams auf dem 33. Gesamtplatz.

Im Wintersemester 2008/2009 übernahmen Jochen Sommer, Marius Gasiorek, Andreas Hauser, Sebastian Niec und Olga Mahaliuk die Projektleitung.

Ab dem Sommersemester 2009 setzte sich das Team aus den Projektleitern Jochen Sommer, Marius Gasiorek, Andreas Hauser, Thomas Poh, Dominik Schmitt, Daniel Schubert, Ralf Maul, Aron Bahnmüller, Aleksandra Damjanovic, Stefan Smedek, Michaela Boss und dem Diplomanden Martin Kilb zusammen. Wie in den Jahren zuvor wurde das Team durch die Studenten komplettiert, die eine Projektarbeit im Rennstall schrieben.

Der Rollout erfolgte Ende Mai und der Stallardo ´09 wurde in einer heißen Testphase bis zu dem ersten Event in Silverstone optimiert. Es galt den Fluch im Endurance zu brechen. Allerdings stellte sich dieses Hindernis bei dem ersten Event als zu hoch heraus. Im besagten Endurance ließ sich der Motor nach dem Fahrerwechsel nicht mehr starten, so sprang statt der angepeilten Top Ten Platzierung lediglich ein 36. Platz heraus (bei 82 angetretenen Teams).

Im August folgte in Hockenheim der Event auf deutschem Boden. Die Zielvorgabe war klar: den Endurance erfolgreich beenden und endlich wieder einen Teil der wertvollen 300 Punkte zu sammeln. Mit Gesamtplatz 11 wurden die Studenten für all ihre Arbeit belohnt.

Motiviert durch die hervorragenden Ergebnisse in Hockenheim begab man sich im September auf die Reise nach Varano de´ Melegari (I). Bei diesem Event sollte man so gute Ergebnisse einfahren wie noch nie zuvor: Platz 1 im Skid Pad, Platz 2 inder Business Presentation, Platz 2 im Endurance ohne Fuel-Wertung und Platz 4 mit Fuel-Wertung. Dies führte zu einem fantastischen Platz 4 in der Gesamtwertung bei 39 angetretenen Teams. Der Nutzen aus diesem Projekt ist für Studierende und Hochschule gleichermaßen hoch.

Nutzen für Studierende
Die teilnehmenden Studierenden sammeln so bereits während des Studiums praxisnahe Erfahrungen und können ihr theoretisches Wissen aus den Vorlesungen vertiefen. Dies betrifft neben den Bereichen Entwicklung, Konstruktion und Fertigung auch Teamarbeit, Projektmanagement und Marketing. Man erhält erste Kontakte zu namhaften Firmen und kann bereits während des Studiums ingenieurmäßig im Team arbeiten. Alle Komponenten des späteren Berufslebens werden hier durchlebt. Unter einem zeitlichen Druck wird ein komplettes Fahrzeug konstruiert (3 Monate) und in den anschließenden 4 Monaten gefertigt. Dies geschieht unter einem immensen Kostendruck. Ebenso sind die viel gepriesenen Soft Skills, die man sich durch die Teamarbeit aneignet bzw. diese verbessert, nicht zu unterschätzen.

Nutzen für die Hochschule
Natürlich profitieren nicht nur die Studierenden von der Mitarbeit an einem solchen Projekt. Für die ProfessorInnen bietet sie eine Möglichkeit interessante realistische Projekte auszuschreiben, anhand deren man die Lehre besser an die Studierenden herantragen kann. Ebenso entstehen interessante Kontakte zu Firmen. Die Außenwirkung, die das Team durch die erfolgreiche Teilnahme anden Events unter dem Namen der Hochschule Esslingen erreicht, ist immens. Viele internationale Masterstudenten haben dies als Auswahlkriterium für die Wahl ihres Studienstandorts angegeben.

Die Rolle des VDF
Die Sponsoren spielen bei einem solchen Projekt wie dem des Rennstall Esslingen eine sehr wichtige Rolle. Ohne deren Unterstützung wäre die Realisierung dieses Projektes unmöglich. Die Unterstützung in Form von Know-How-Vermittlung, Sachsponsoring oder auch durch Geldmittel hält das Projekt am Leben. Die Fertigung eines Rennbolidens, der zu 90 % aus eigens angefertigten Teilen besteht, ist nicht nur zeitintensiv, sondern stellt auch einen immensen Wert dar. In den Anfängen stellte sich die Sponsorengewinnung als sehr schwer heraus. Gerade in dieser Zeit war die Unterstützung des VDF im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert. In der heutigen Zeit der Wirtschaftskrise wird die Möglichkeit seitens der Sponsoren unser Projekt zu unterstützen immer schwieriger. Daher können wir uns glücklich schätzen, dass die Sponsoren dem Rennstall weiterhin die Treue halten und das Team nach ihren Möglichkeiten weiterhin unterstützen.

 

Team des Rennstalls Sallardo (3)

Was bringt die Zukunft im Jahr 2010?
Nach dem äußerst erfolgreichen Jahr 2009 will die neue Projektleitung, ein Mix aus neuen und bereits erfahrenen Projektleitern, an diese Erfolge anknüpfen. Geplant ist diesen Sommer die Teilnahme an mehreren Events, bei denen man den 22.Platz in der Weltrangliste verbessern will. Als drittbestes deutsches Team hat sich der Rennstall Esslingen hohe Ziele gesteckt. Die größte Herausforderung wird der Wechsel von dem 3-Zylinder Mahle-Motor auf einen 4-Zylinder Motorradmotor (Honda CBR 600). Wir sind alle gespannt, ob dies gelingt. Doch ohne Herausforderungen kann man nicht wachsen!


(1)+(2) © Valentin Angerer, www.velentin-angerer.de Spezialist für Automobil- und Landschaftsfotographie
(3) © HE-privat

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