Bürgerprojekt „Spur der Erinnerung“ Vom 13. – 16. Oktober 2009

von Beate Blank

Vom 13. – 16. Oktober 2009 fand zwischen Grafeneck (Lks. Münsingen) und Stuttgart eines der größten und ungewöhnlichsten Erinnerungsprojekte der deutschen Nach- kriegsgeschichte statt.

Am 15. Oktober 2008 jährte sich zum 70. Mal die Beschlagnahmung der Gebäude von Grafeneck, die bis dahin von der evangelischen Samariterstiftung als Behinderten-Einrichtung genutzt wurden. Die Stiftung und die damaligen Bewohner kehrten mit Kriegsende an den Ort zurück, an dem der Holocaust begann. 1940 wurden in Grafeneck über 10.600 nicht arbeitsfähige, kranke und behinderte Kinder, Frauen und Männer durch Giftgas ermordet. In national-sozialistischer Ideologie und Sprache waren sie „lebensunwertes Leben“. Die Tötungsmaschinerie und das -personal wurden anschließend von Hadamar bis Auschwitz eingesetzt.

Angesichts dieses Teils deutscher Geschichte, mit dem sich viele nicht (mehr) beschäftigen wollen, erschien es unmöglich, eine ausreichende Teilnehmerzahl für eine mehr als 70 Kilometer lange Aktion gewinnen zu können. Doch schließlich haben mehr als 10.000 Menschen aller Altersgruppen die Spur der Erinnerung zu ihrer Herzenssache gemacht. Innerhalb von drei Tagen zogen sie durch 21 Teil-Gemeinden und 2 Landkreise eine violette Farbspur. Sie taten dies in heiterer Gelassenheit und konzentrierter Ernsthaftigkeit. Die Stuttgarter Zeitung feierte die Ankunft auf ihrer Titelseite als „bewegendes Plädoyer für einen menschen- würdigen Umgang mit Behinderten und als Spur des Lebens. … Dieses Gedenken war ein lebendiges Manifest, eine künstlerische Installation. Und dieses Gedenken weist in die Zukunft: die Geschichte ist präsent und doch steht die Begegnung im Mittelpunkt – im Geiste des Friedens und der Gerechtigkeit“.

Wie konnten aus erschreckenden Bildern der Vergangenheit, Gemeinschaft stiftende Erfahrungen werden? Was war das Wunder der Spur? Wer war ihr Initiator und Motor? Hinter der Idee steht ein Vater, dessen Sohn in Grafeneck lebt. Harald Habich hat diesem scheinbar idyllischen Ort so lange gedanklich durchmessen bis in ihm der Wunsch nach einer anderen Form des Gedenkens konkret wurde. Er wollte es in Raum und Zeit hineinwirken lassen und nicht in überkommenen Jahrestagsritualen  erstarren sehen. Sein Herzenswunsch berührte und inspirierte viele. Auch mich. Uns verbindet  eine gemeinsame Geschichte als Studierende der Sozialarbeit an der damaligen Fachhochschule Sozialwesen Esslingen. 1982 hatte mir die Veröffentlichung eines Zufallsfunds von Dokumenten des Württ. Innenministers und von Transportlisten nach Grafeneck aus dem Jahr 1940 viel Ärger gebracht. Jetzt war die Zeit reif, das Thema „Euthanasie“-Morde kein Tabu mehr. Mein Know-How in Bürgerbeteiligung, Pressearbeit oder Fundraising wurde gebraucht. Eine Hand voll weiterer MitinitiatorInnen brachte ebenfalls unverzichtbare Kompetenzen ehrenamtlich ein.

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Damit der Same der Vision eines Einzelnen in den Köpfen und Herzen Vieler aufgehen kann, bedarf es Vorbilder, aber auch Freiraum für eigene Ideen. Mit viel Phantasie haben 200 BürgerInnen in 17 örtlichen Aktionskreisen logistische Probleme gelöst, mit Toleranz und kreativer Vielfalt zum Mitgestalten des gemeinsamen Werks eingeladen. So haben sie Tausende auf die Beine gebracht. Ein anderer wichtiger Anknüpfungspunkt für den Gedanken-Strich, den Harald Habich ziehen wollte, war die Bekanntheit und Biografiearbeit der „Stolperstein-Initiativen“. Ihr Initiator, der Konzeptkünstler Gunter Demnig, hat in den 70er Jahren eine Farbspur zum Gedenken an die Sinti und Roma in Köln gezogen und in Stuttgart die Farbspuridee angeregt.

Vermutlich ist es einfach so mit großen Ideen: Sie liegen in der Luft und warten bis ihre Zeit gekommen ist. Für die Spur der Erinnerung hat im Jahr 2009 einfach alles gestimmt und zusammengepasst: Die Schirmherrschaft der Bischöfe beider Kirchen. Die uneingeschränkte Unterstützung der Ordnungsbehörden, des Innen- und Kultusministeriums, der Landräte, Bürgermeister und Stadtarchivare. Die Beteiligung aller Gemeinden entlang der Route, von 70 Schulen, Kirchengemeinden, Vereinen, Einrichtungen der Behindertenhilfe … Und es war das Jahr der Ratifizierung der UN-Menschenrechtskonvention für Menschen mit Behinderungen. Endlich bekam das Thema ihrer Teilhabe und selbstverständlichen Zugehörigkeit öffentliche Aufmerksamkeit. Kultusminister
Rau kündigte die Aufhebung der Sonderschulpflicht an und die Diakonie Württemberg verfasste ihr Manifest: „Schuldhaftes Tun führt zur Selbstverpflichtung in der Gegenwart“. In dieser Aufbruchsstimmung und mit
dem spürbaren Bedürfnis vieler Menschen nach Begegnung und Beteiligung auf gleicher Augenhöhe konnte die Spur der Erinnerung im Verlauf des Jahres ihre einzigartige Dynamik entfalten.

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Förderung durch den VDF

Vier Monate vor der Aktion waren erst 1.500 EUR gesichert. Der Finanzierungsbedarf wurde auf 70 TEUR geschätzt. Gute Fundraising-Ideen waren also gefragt. VDF und Hochschule engagierten sich für die Bannerflugidee. Die Vernetzung von sozialem und technischem Engagement gelang dank Walter Gronbach, dem Vorsitzenden der Flugtechnischen Arbeitsgemeinschaft. Er hat den Kontakt zum Bannerpiloten, Hans-Jörg Streifeneder vermittelt und den Kameramann für Luftaufnahmen geflogen.

Das Auftauchen des Bannerflugzeugs über dem US-Airfield, kurz vor der Übergabezeremonie durch die Oberbürgermeister von Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen, war ein bewegender Moment. Auf dem Boden des ehemaligen Konzentrationslagers stehend, richteten sich viele Blicke staunend nach oben. Vor allem für die Kinder und Jugendlichen war dies ein unvergessliches Erlebnis. Solche persönlichen Erfahrungen waren es, die viele im Land begeisterten und zum Spenden anregten. Ende Oktober zeigte unser Spendenbarometer 46 finanzierte Farbkilometer an. Mit 46 TEUR konnten die reinen Sachausgaben
gedeckt werden. Dies ist ein großartiges Erfolgsergebnis, für das wir allen SpenderInnen und Sponsoren, insbesondere dem VDF und der Hochschule
Esslingen, herzlich danke sagen! Immer noch gehen Spenden ein. Sie werden
für die Finanzierung der Produktionskosten des Dokumentarfilms gebraucht.
Auch die Einnahmen aus dem Verkauf der DVD sind hierfür eine wichtige Einnahmequelle.

Mehr und aktuelle Informationen zur „Spur der Erinnerung“: http://www.spur-der-erinnerung.de


(1)+(2) © Gabriele Kurzenberger

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