Wachsender Reformdruck und Abhilfe

Eduard Müller, 1876-1940
Woldemar Pickersgill, 1865-1913

Drei fast zur gleichen Zeit im Jahre 1909 verfasste Denkschriften, die sich an das zuständige Württembergische Kultusministerium und an die interessierte Öffentlichkeit richteten, waren ein unübersehbarer Indikator, dass für Reformen der Maschinenbau-Ausbildung ein akuter Handlungsbedarf bestand. Die Urheber der Schriften waren:

  • der Alt Herren Verband „Motor“ (AHV Motor), Verfasser: Eduard Müller,
  • der Württembergische Ingenieur-Verein (WIV), Verfasser: Woldemar Pickersgill
    und
  • die Württembergische Landesverwaltung des Deutschen Techniker-Verbands (DTV).

 

So beklagte etwa die AHV-Denkschrift Defizite im geltenden Lehrplan und machte Verbesserungs-vorschläge. Es hieß dort z.B.: „Mängel im Lehrplan der Maschinenbauschule Stuttgart gegenüber anderen mittleren technischen Lehranstalten bestehen zur Zeit hauptsächlich im Fehlen eines sachgemäß eingerichteten Maschinenbau-Laboratoriums, einer Materialprüfanstalt und eines elektro- technischen Prüffeldes".
Zwei Vorschläge für Fach-Vertiefungen lauteten etwa: Festigkeitslehre: Materialprüfungen seitens der Schüler mit Aufzeichnung der Resultate, Festigkeitsprüfungen seitens des Lehrers, anschließend an den Vortrag zur Erklärung oder Ableitung von Gesetzen der Elastizitäts- und Festigkeitslehre“ bzw.: „Mathematik: Einführung in die Elemente der Differential- und Integral-Rechnung wird dringend gewünscht, soweit diese nötig ist zum Verständnis verschiedener Ableitungen und Formeln der Dyamik, Festigkeits- und Wärmelehre usw. [...]“.

In der WIV-Denkschrift wurden u.a. die Aufnahmebestimmungen, die praktische Ausbildung und das Prüfungswesen angesprochen. Es wurde vorgeschlagen, den Eintritt in die I. Klasse vom Bestehen einer Aufnahmeprüfung abhängig zu machen und eine Vorklasse zu etablieren. Außerdem sollten Versetzungsprüfungen zum Eintritt in die nächsthöhere Klasse eingeführt werden. Damit könnte die bisher geltende Vorbereitungsphase (I. und II. Klasse) auf eine inhaltlich neu ausgestaltete I. Klasse verkürzt werden. Wörtlich hieß es: „Die I. Klasse soll somit die von den Hauptlehrern der Fachschule im Dezember 1907 vorgeschlagene zweiklassige Vorbereitungsschule ersetzen, wobei die Kürzung der letzteren von zwei Semestern auf eines ihre Erklärung findet darin, dass dieselbe nicht bedingungslos jedem Anklopfenden mit nur Volksschulvorbildung geöffnet sein, sondern dass deren Besuch an die [...] Aufnahmebestimmungen gebunden sein würde.“

Weiterhin wurde eine mindestens einjährige Werkstattpraxis vor der I. und II. Klasse vorgeschlagen und es wurde nahegelegt, dass beim Eintritt in die III. Klasse eine mindestens zweijährige Werkstattpraxis vorzuliegen habe. Nach einer Erhebung über einen Zeitraum von fünf Jahrgängen bis 1909 hatten die Schüler der V. Klasse tatsächlich eine mehr als 4-jährige Praxis hinter sich.

Die WIV-Denkschrift redete einer Verkürzung und Straffung der Diplomprüfung das Wort, um die Gesundheit der Prüflinge nicht zu gefährden. Wörtlich hieß es: „Der Unterzeichnete [Pickersgill] glaubt im Sinne seiner Fachkollegen [...] zu handeln, wenn derselbe vorschlägt, dass die vorbereiten- den Lehrfächer in der Zukunft nicht mehr Gegenstand der Diplomprüfung sein sollten, dass aber von einer sogenannten Vorprüfung (in diesen Lehrfächern) abgesehen werden könnte und man sich auf eine gerechte, aber strenge Handhabung der vorerwähnten Versetzungsprüfungen beschränken sollte.“

Auch die DTV-Denkschrift sprach den bisher fehlenden Laborunterricht an. Wörtlich konnte man lesen: „Als ein ganz besonderer Mangel im Lehrplan der Maschinenbauschule ist das Fehlen eines den Anforderungen für diesen Zweck genügenden Maschinenbau- Laboratoriums. [...] Die übrigen technischen Mittelschulen Deutschlands, die Kgl. Preußischen höheren und niederen Maschinenbauschulen, sowie Privatanstalten besitzen seit einer Reihe von Jahren schon diese Einrichtungen. Von dieser Seite wird hervorgehoben, dass die Ergänzung der rechnerischen und konstruktiven Ausbildung nur durch den Anschauungsunterricht erreicht werden kann“.

Ein weiteres Thema in dieser Denkschrift war die Abgrenzung zur Baugewerkschule und eine neue Namensgebung. So hieß es: „Verfolgt man die Entwicklung der einzelnen Fachzweige an der K. Baugewerkschule, so findet man, dass die Erweiterung des Unterrichts sich bis jetzt immer auf die beiden anderen Fachrichtungen erstreckte, der Maschinenbau blieb jedoch stets unberücksichtigt. - Eine durchgreifende Änderung des bestehenden Verhältnisses ist unumgänglich notwendig in Anbetracht der außerordentlichen Fortschritte auf dem Gebiete der Maschinentechnik. - Der beste Weg ist unzweifelhaft die vollständige Abtrennung der Maschinenbauschule von der K. Baugewerkschule und Weiterführung ersterer als selbständige Anstalt; genauso wichtig ist die Änderung des Namens der Fachschule. - Der Grund für die Änderung des Namens liegt darin, dass für die große Anzahl von Absolventen, die gezwungen sind, ihr Fortkommen außerhalb Württembergs zu suchen, insofern ein Nachteil entsteht, als die Firmeninhaber geneigt sind, die Prüfungszeugnisse schon nach der rein äußerlichen Bezeichnung ‚K. Baugewerk- schule‘ zu beurteilen, in der Meinung, eine Art Bauschule vor sich zu haben.“

Obwohl die Abhilfevorschläge in den drei Denkschriften im Detail durchaus voneinander abwichen, so waren ihnen doch folgende entscheidenden Forderungen gemeinsam:

  • Die Trennung der Maschinenbauschule von der Baugewerkschule,
  • deren Neuorganisation,
  • Einführung des Laboratorium-Unterrichts.

Die Esslinger Maschinenbauschul-Bewegung

Die drei Denkschriften lösten bei Industriellen und Maschinentechnikern in ganz Württemberg eine ungeahnt lebhafte Wirkung aus. In Esslingen entstand ab 1910 eine regelrechte Maschinenbauschul- Bewegung um den Industriellen Paul Dick, welche sich die Ziele der Denkschriften zu eigen machte und darüber hinaus eine Verlegung der Schule von Stuttgart nach Esslingen auf ihre Fahnen schrieb. Die Gruppe stand in engem Kontakt zu der Maschinenbau-Abteilung der Baugewerkschule Stuttgart mit Prof. Pickersgill an der Spitze. In Pickersgill fand die Bewegung einen kompetenten Kooperations- partner mit überragenden Fähigkeiten in fachlichen Belangen und Fragen der Organisation. In einem vierjährigen, bis 1913 währenden Kampf der Bewegung wurde ein gewaltiges Arbeitspensum geleistet: Überzeugungsarbeit gegenüber dem Staat und der Öffentlichkeit standen dabei an vorderster Stelle, die Reformen wurden konzipiert und Pläne für einen Neubau in Esslingen ausgearbeitet. Mit dem Zuständigkeitswechsel von staatlicher Seite für die Baugewerkschule weg vom Kultusministerium und hin zu der dem Württembergischen Innenministerium unterstellten Zentralstelle für Gewerbe und Handel kam endlich Tempo in die Bearbeitung der überfälligen Reformen. Die Zentralstelle etablierte zur Umsetzung einen Organisationsausschuss (den späteren Industriebeirat). Dieser be- schloss Ende 1911 die Trennung der Abteilung Maschinenbau von der Baugewerkschule und die Erlangung ihrer Selbständigkeit als Maschinenbauschule. Am 05.03.1912 wurde Prof. Pickersgill (vorläufig) zum Schulvorstand der nun selbständigen Bildungseinrichtung bestellt. Ende 1912 entschied sich der Verwaltungsausschuss der Zentralstelle für den neuen Standort Esslingen. Basierend auf diesen Weichenstellungen stimmte schließlich der Staat dem Reform-Paket und den Neubauplänen zu und gab die Mittel frei. Etwa ein Drittel der Finanzmittel kam von der Esslinger Kommune und von privaten Spendern. Ende 1913 konnte mit dem Neubau in der Kanalstraße begonnen werden. 

Bild und Text: Rückblick auf die ersten 50 Jahre der Hochschule Esslingen - Start, Reform, Selbständigkeit, Ortswechsel, Krieg von Helmut Hammer, Hans Ruoß